Archiv für den Monat: März 2017

Zwischen Verkleideten und Selfern

Die Buchmesse in Leipzig wird auch in diesem Jahr wieder Rekorde statistisch feststellen, daran ist kein Zweifel. Wir waren am Samstag als Besucher dort und schauten uns in den Hallen um. Einen bestimmten Plan hatten wir nicht, wollten eigentlich mal schauen, was es bei der Phantastik so an Neuigkeiten gibt.

Die von mir früher sehr geschätzte Buchmesse erscheint mir in den letzten Jahren immer mehr als zu einer post-karnevalistischen Veranstaltung zwischen Bücherständen zu verkommen. Viele finden es ja toll, dass gefühlte 60% der Besucher – zumindest am Wochenende – in mehr oder weniger alberne Kostüme gehüllt sind, deren Sinn und Bedeutung sich Uneingeweihten nur selten erschließt. Doch diese Kostümierten tun auf der Buchmesse nichts anderes, als diese als Laufsteg für ihre Selbstdarstellung zu nutzen und ein unangenehmes Gedränge zu verursachen. Es ist erwiesen, dass Comic-Fans und Rollenspieler kaum Bücher lesen. Die Anwesenheit derartiger Personen hat also für den Sinn der Buchmesse keinerlei Vorteil – es sei denn, der Sinn der Buchmesse ist heute, eine post-karnevalistische Veranstaltung zwischen Bücherständen zu sein. Sicher muss die Messe Geld verdienen, das sogar in erster Linie. Daher scheint es den Veranstaltern relativ egal zu sein, wer auf der Messe ausstellt und wer sie besucht. Sogar die erklärten Feinde der Verlage bekamen in diesem Jahr die Möglichkeit, einen großen Teil einer Halle zu belegen – der Teil der Buchbranche, welcher von der neuen Welle der sogenannten Selfpublisher zu profitieren sucht. Gewisse Dienstleister, die quasi die normalen Verlagsaufgaben outsourcen, um den Möchtegern-Autoren vorzugaukeln, sie würden dann tatsächlich richtige Bücher veröffentlichen. Nur gut, dass der Buchhandel (jenseits der Messebuchhandlung) so konservativ ist und auf die selbstgebastelten, pardon, selfpublishten Bücher weitegehend verzichtet.

Unverständlich ist nur, dass es sich die echten Verlage gefallen lassen, auf ihrer traditionellen Messe neben derartige Anbieter gestellt zu werden. Nun ja, die Frankfurter „Verlage“ mussten sie ja auch ertragen. Jene waren in diesem Jahr übrigens nirgends zu sehen, worüber einige Kleinverleger bereits frohlockten. Dass viele der allenthalben hochgejubelten kleinen und größeren Verlage es sich auch recht gut bezahlen lassen, Autoren „ihr Buch“ zu machen, wird dabei geflissentlich ignoriert. Vielleicht wäre mal eine neue Schwarze Liste fällig …

Der Messebuchhandel hatte in diesem Jahr eine gesonderte Phantastik-Buchhandlung aufgebaut. Ist ja begrüßenswert, vor allem nach dem Hickhack im Vorfeld um die Fantasy-Leseinsel. Wenn man die Konditionen dafür nicht wüsste, könnte man richtig neidisch werden.

Tatsächlich haben wir kurz überlegt, nächstes Jahr einen kleinen Stand zu buchen. Kostet mit Übernachtung und Anreise zwischen 1500 und 2000 €. Mit anderen Worten, es würde sich auf keinen Fall lohnen, denn so viel kann man gar nicht verkaufen oder an neuen Autoren gewinnen, wenn man keine „Druckkostenzuschüsse“ nimmt. Also wird man uns wahrscheinlich auch nächstes Jahr nicht mit einem Stand in Leipzig sehen. Ob überhaupt, das weiß ich jetzt noch nicht.