Martin W. Melnik: Die Mauer-Trilogie

(Spookhouse 2002)
gelesen von Kathy Leonard

Nun liegen Melniks zynische drei Romane über eine alternative DDR während der "Wende" also endlich in einem Band vor. Lange genug hat es ja gedauert, bis sich ein Verlag fand, der sie einer breiteren Öffentlichkeit vorstellt. Oder sollte man sagen, bis ein Verlag den Mut fand? Für den Kleinverlag Spookhouse ist sicher jede Publicity wichtig, auch wenn sie in einem erneuten Aufschrei der Empörung bestehen mag. Zumindest als damals "Todesfalle Leipzig" vorgestellt wurde, fanden sich reihenweise Kritiker, die Melnik alles mögliche vorwarfen - von DDR-Verherrlichung bis hin zu Fremdenfeindlichkeit, wobei nicht klar war, welche Fremde die Kritik eigentlich meinte.
M. W. Melnik, früherer Frontmann und Texter bei der Death Metal Formation "Hate Machine", beschreibt in seinen drei Büchern die Zeit vor dem Mauerfall, der sich bei ihm allerdings erst 1991 ereignet, in einer Alternativwelt, in der alles ein bisserl heftiger zugeht, wie es scheint. Auf der einen Seite stehen die Dissidenten, die den verschiedensten Strömungen angehören: Grüne, Alternative, Christen, einfach nur Unzufriedene und Verärgerte. Als 1989 das beginnt, was wir auch in der Realität erlebt haben, entwickelt sich für diese Leute aber einiges anders, denn die Regierung, die Stasi und konservative Kräfte in der Nationalen Volksarmee steuern kräftig und immer skrupelloser dagegen. Von der auf katastrophale Weise zusammengebrochenen Sowjetunion - Gorbatschow erschossen, ein noch schwererer Atomunfall als Tschernobyl, die desertierte Atom-U-Boot-Flotte kreuzt auf den Meeren - können sie keine Unterstützung mehr erwarten. So verbünden sich die Betonköpfe in Berlin mit der rumänischen und chinesischen Führung. Demonstrationen werden gewaltsam unterdrückt, das Beispiel "Platz des himmlischen Friedens" macht auch in Berlin und schließlich Leipzig Schule.
Erlebt wird das Geschehen hauptsächlich von drei Personen. Ein Mathematiklehrer, der bemerken muß, daß er sich aus politischen Dingen nicht mehr heraushalten kann. Ein hoher Stasi-Offizier, der scheinbar als Einziger merkt, worauf das alles hinausläuft und mit amerikanischen Journalisten Kontakt aufnimmt, die sich als CIA-Beamte erweisen. Und schließlich ein Science Fiction Fan, der wegen seiner unsozialistischen Interessen schon lange überwacht wird und dann als Exempel herhalten soll. (Er ist es, der dann gezwungenermaßen auf der Flucht ist und die haarsträubensten Abenteuer erlebt.)
Bis hin zum dramatischen Ende der Trilogie scheint der SF-Gehalt nur darin zu liegen, daß sie eine Alternativwelt schildert, wie z.B. auch in Harris' "Vaterland". Eine böse, kleine Überraschung, die ich hier nicht verraten kann, gibt es dann aber doch noch... Ein Buch voller merkwürdiger Leute und Geschehnisse, wie sie so nicht passiert aber doch nicht ganz undenkbar sind.

(c) by Spookhouse 2002, 650 Seiten, 15.00 Euro