Hate Machine: Music To Imaginary Films
(Spookhouse Records 2004)
gehört von Kathy Leonard


"How long has it been?" könnte man mit dem ersten Titel des neuen Konzeptalbums fragen, wie lange ist es eigentlich her, als uns Hate Machine mit "Saddam’s Tears" (siehe Web-SOLAR-X 155) schockte? Nur ein paar Monate, und nun haben wir schon eine weitere CD der Death Metal Rocker um Martin W. Melnik in der Hand – wenn man sie denn ergattern konnte oder glücklicherweise zum Besprechen erhält. Denn wie immer wird man in den normalen Plattenläden vergeblich nach der Scheibe suchen.
Der Name ist Programm – Musik zu imaginären Filmen, Kopfkino pur also. Filmmusiken haben ja eine eigene Tonsprache entwickelt, die auf bereits gesehenen Streifen mit ähnlichen Klangstrukturen aufbaut. Ohne Kino und TV würde der Mensch von heute beim Hören solcher Musik vermutlich ganz andere Assoziationen haben. Doch gerade das ist es, was Melniks Truppe halb irrsinniger Instrumentenquäler da von uns erwartet und mit Recht auch erwarten kann: Assoziationen zum Gehörten. Dabei reicht es scheinbar schon, dem Hörer zu sagen: "He, du Typ da draußen, was du jetzt in die Ohren gedröhnt bekommst, ist Musik zu einem Film!" Und schon denkt man sich seinen Teil dazu, den Teil nämlich, den man nicht sieht, niemals sehen wird, denn es sind nichtexistente Filme, zu denen Melnik sich Musik einfallen ließ. Gesagt bekommt man mit dem Titel des Tracks auch noch die ungefähre Richtung. Interessant, wie so etwas funktioniert.
Natürlich hat sich Hate Machine diesmal auch wirklich an den Hörgewohnheiten des Filmeguckers orientiert, manchmal – wie in "Silmarillion" – haben sie sie wohl auch ein wenig persifliert. Oder war da einer so sehr vom "Herr der Ringe" Kinoepos begeistert, daß er einfach nur eine Hommage im Sinn hatte? Allein der 20-minütige Titel, der als orchestraler Bombast beginnt und als purer Prog-Rock – eben a là Marillion – endet, ist die Anschaffung dieser CD wert.
Wenn man mit Melniks sonstigem Werk vertraut ist, wird man sofort erkennen, was die beiden Titel nach dem einleitenden und beinahe sinfonischen "How long ..." bedeuten: Mit "Escape from Berlin" und "Deathtrap" können nur die beiden gleichnamigen Teile seiner "Mauer-Trilogie" gemeint sein, die der Autor hier quasi symbolisch verfilmt hat.
Um die "Moonbase" scheint man schwer zu kämpfen, das ist wieder mal HM in Reinkultur. Hammerharte Gitarren und kaum verständlicher Sprech- nein, Brüllgesang. Na ja. Die letzten Explosionen dieses Songs gehen über in "Timeskip" – was man gelesen haben muß, um zu wissen, daß da ein gewisses Kaufhaus in die Luft fliegt.
Wer die Musik für den nächsten James Bond Film schreibt, dürfte nun klar sein: Martin W. Melnik. Obwohl "James Bond can’t be dead!" als Filmtitel irgendwie nicht so ganz ernst gemeint sein kann. Ansonsten paßt es zu der Reihe des ganz sicher unsterblichen Agenten.
Mit den nächsten beiden Titeln, "Afghanistan" und "Saddam’s Return" (!) erinnert die Band an ihr vorheriges Album. Musikalisch wagen sie hier einen Ausflug in Ethno-Gefilde, soweit das Metal zuläßt (kicher).
Eine ganz anderes Herangehen wählte die Band für die Verfilmung des Fantasy-Romans "Stronbart Har", nämlich keltische Klänge, die an Dimmu Borgir oder Old Man’s Child denken lassen. Mit "The Cursed Forest", "The Gate of Darkness" und "The Chaos-Lords" kann ja nichts anderes gemeint sein als Wilko Müller jrs. Romane. Allerdings – was hat es mit dem dritten Titel auf sich? Weiß Melnik etwas, das wir noch nicht wissen?
Nach dem schon erwähnten "Silmarillion" kommt noch "The Ork’s Revenge" ganz im Stile der Battlehymns von Manowar. Der letzte Titel ist eine Reprise des ersten. "Far too long ago" heißt viel zu lange her. Es ist mit düster-getragenen Klangmustern der ruhigste Song der CD, aber Ruhe wird man auf einer Hate Machine Scheibe sowieso vergeblich suchen. Anscheinend hatte MWM hier vor allem Actionfilme im Auge. Wirklich schade, daß wir sie niemals sehen werden. Es sei denn, der Meister steigt ins Regiefach ein und geht gleich nach Hollywood. (Denn ich sehe nicht, wie ein deutscher Film zu solcher Musik gemacht werden könnte – oder umgekehrt.)

Music To Imaginary Films, © 2004 by Hate Machine & Martin W. Melnik, 14.99 Euro
http://www.hatemachine.com